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ON Kreis Süd Mittwoch (Archiv)
Ausgabe vom 16. Oktober 2013
Seite 4
Ressort Kultur & Szene

„525 600 Minuten“ – Liebe bleibt!

 Musical „Rent“ im Theater am Domhof:  Leidenschaftliches Hochschulensemble rockte das Haus

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  Heiß: Christian Bindert (Angel).  


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Stark: Marcel Kaiser (Roger).


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 Filmreif: Jürgen Brehm (Marc). 


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Präsent: Elena Otten (Mimi).


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 „Lass Dein Maß die Liebe sein“: Das großartige Ensemble wurde bei der Premiere gefeiert. PR-Fotos 


Osnabrück (ON) – Die Einmietung hat sich im wahrsten Sinne gelohnt, der Musical-studiengang des Instituts für Musik der Hochschule (IfM) rockte mit dem Musival „Rent“ – basierend auf Motiven der Oper „La Bohème“ – die große Bühne des Theaters am Domhof.
  Kulturelle Pfade, oft verschlungen und nebulös, ergeben manchmal auch eine Kreuzung mit famosen Ausblicken. Das Rockmusical „Rent“ von Jonathan Larson ist eine wunderschöne Ergänzung, auf dem offiziellen Theater-Spielplan steht nämlich die Vorlage, die Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini, die seit der gefeierten Premiere in der Erfolgsspur ist. Wer will, kann also auf doppelte Erkundung gehen! Das Musical rockt und feiert die Liebe. Aus dem Maler Marcello wird Filmemacher Mark, aus der tuberkulosekranke Näherin Mimi eine HIV-positive Tänzerin und aus dem traurigen Poeten Rodolfo der nicht minder glücklose Songwriter Roger (auch HIV-positiv). Die tragische Liebe zwischen Roger und Mimi ist aus den Pariser Künstlervierteln nach New York verlegt – der Transfer funktioniert.
Es werde Licht! 550 Zuschauer im fast ausverkauften Theater am Domhof feierten eine großartige Ensemble-Leistung, das Team um Regisseur Sascha Wienhausen hatte Blut und Wasser geschwitzt. Das Lichtdesign – sämtliche gespeicherten Stimmungen waren versehentlich gelöscht – stand auf der Kippe. „Nimm mich oder verlass mich“ – in Rekordzeit wurden in den zwei Stunden vor der Premiere Schein und Sein halbwegs in Einklang gebracht. Dann groovte die sensationelle Band unter der Leitung von Martin Wessels-Behrens – so gab es nach leichten Irritationen beim Einstieg kein Halten mehr. Auch choreografisch (Brady Harrison) ging die Post ab.
Wer wohl später mal in den großen Musical-Shows auftauchen wird? Scouts dürften ihre Freude haben, Osnabrück ist eine Talentschmiede. Elena Otten (Mimi) hat eine tolle Präsenz, tanzt klasse und hat Energie in der Stimme („Raus heute Nacht“), Marcel Kaiser (Gänsehaut-Moment: „Mit Liebe bedeck dich“) eroberte sich nachhaltig seinen Part, Jürgen Brehm (Mark) steht sicher auf den Bretter, die nicht nur für ihn die Welt bedeuten. Christian Bindert (Angel) hatte als Muntermacher die Lacher auf seiner Seite – so eine Drag Queen mit Endlosbeinen muss man sich erst mal schnitzen. Hannah Noack, Cihan Demir, Matthias Knaab, Matthias Meffert, Christian Bindert – allesamt wunderbar. Okay – in englischer Sprache hätte der Broadway-Hit sicher auch gefallen. Als Ohrwurm bleiben die „525 600 Minuten“ (aus dem Song „Season Of Love“) kleben, natürlich auch „La Vie Bohème“ mit soghafter Chorgewalt vor der Pause. „Lass dein Maß die Liebe sein“– nach Standing Ovations traten bei der Zugabe Isabel Walsgott und Timothy Roller aus der zweiten Reihe nach vorn. Was für Talente! Was für Chancen! Toll!
Anrührend, aufmüpfig und rockig! „Rent“ erzählt (griffig und lebensfroh inszeniert) aus dem Leben von acht jungen Menschen in den achtziger Jahren und ihrem Protest gegen eine Gesellschaft, in der junge Künstler und Freidenker keinen Platz finden. „Rent“ handelt von Freundschaft und Liebe, Misstrauen und Verrat, Drogen, Krankheit und Gewalt – aber auch von Hoffnung und Lebensfreude. Mit großem emotionalem Einfühlungsvermögen beleuchtet „Rent“ existentielle Aspekte des Lebens: mal traurig, mal lustig und immer berührend. Es werden Tabuthemen behandelt, die gerade bei jungen Menschen kein Tabu bleiben dürfen. Die acht Frauen und Männer im Mittelpunkt der Geschichte gehen unterschiedlich mit Homosexualität, Aids oder Drogen um – Themen die auf unverkrampfte und realistische Weise dargestellt werden!
 Weitere Aufführungen sind jetzt am Samstag (19. 10., 19.30 Uhr) erneut im Theater am Domhof, am 29. 10. im Theater Lingen mit der Option auf eine Zusatzvorstellung am 30. 10. sowie am 5. und 6. 10. im Theater Minden.